Digitransit – Intermodale Mobilität als Open Source

08.12.2019 von

Freie/Open-Source-Software hat viele Vorteile. Deswegen fordert die Free Software Foundation Europe bereits seit längerem: Public Money? Public Code! Wenn die öffentliche Hand also Software neu beschafft, entwickeln lässt oder gar selber entwickelt, soll diese Software zum Wohle der Allgemeinheit auch Freie Software sein.

Warum das gut ist und wie toll das in der Praxis funktionieren kann, zeigt das Beispiel digitransit aus Helsinki. Dort wurde das bestehende Auskunftssystem für den öffentlichen Verkehr durch ein eigenes, freies System ersetzt, das von aller Welt auf Github geklont und mit offenen Fahrplandaten befüttert werden kann – und auch E-Scooter, Sharing-Fahrräder oder gar Mitfahrgelegenheiten können Teil der Auskunft werden.

Screenshot von digitransit in Ulm mit ÖPNV-Daten

Genau das hatte Max aka @robbi5 vom Lab in Ulm bereits Ende 2017 einmal ausprobiert. In Ulm gab es bereits seit 2013 offene Fahrplandaten für die Straßenbahn- und Buslinien der Stadtwerke im GTFS-Format, also konnte Max direkt eine Instanz auf einem Server im Verschwörhaus-Keller ausrollen und mit Fahrplandaten füttern.

Transferierbarkeit, Transferierbarkeit, Transferierbarkeit!

Das hervorragende an Freier Software: Man ist nicht alleine! Sehr schnell nach dem Experiment im Verschwörhaus wurde die Digitale Agenda der Ulmer Stadtverwaltung auf den Test aufmerksam und nutzt digitransit seither im Rahmen eines EU-Projekts für intermodale Mobilität, wodurch das System nun auch in einigen anderen Städten getestet wird. Durch einen Austausch mit einer weiteren Stadt in der Nähe von Stuttgart wird digitransit ab dem Frühjahr auch dort getestet. Und nach dem Code-for-Germany-Summit im November in Hamburg hatten sich Gerald und Tobias daran gesetzt und in Windeseile eine Variante für Münster ausgerollt – dort sogar mit den Münsteraner Leihleeze-Stationen und Echtzeitdaten der Busse!

Was kann das System eigentlich so alles?

digitransit kann nämlich viel mehr als nur Sollfahrplanauskünfte anzuzeigen. Unter der Haube verküpft OpenTripPlanner verschiedenste Datenquellen: OpenStreetMap für Fuß-, Rad- und PKW-Routenplanung, GTFS und Co für ÖPNV-Sollfahrpläne, zusätzlich ÖPNV-Echtzeitinformationen, GBFS für Scooter-, Rad- oder gar Carsharing, und vieles mehr.

Park-and-Ride, um nicht mit dem Auto mitten in die Stadt zu gurken

Und, das ist die Stärke des Netzwerks der vielen Civic-Tech-Aktiven in Deutschland und darüber hinaus: Viele verschiedene Menschen können mit ihrer jeweiligen Fachkenntnis auf solch ein Projekt blicken. Das Team der Mitfahrdezentrale beschäftigt sich schon lange damit, wie regelmäßige Mitfahrgelegenheiten, die derzeit auf den verschiedensten Portalen verstreut sind, in das GTFS-Fahrplanformat übersetzt werden und damit in OpenTripPlanner angezeigt werden können. So würde auch die Fahrt aus dem ländlichen Speckgürtel in die Stadt auf einmal ohne eigenes Auto möglich – denn auch wenn der Bus nur einmal pro Stunde fährt, finden sich so auf einmal die regelmäßigen Mitfahrgelegenheiten, um bis zur Straßenbahn in der Stadt zu kommen, die einen ans Ziel führt. Bei der MFDZ finden sich auch praktische Tipps, um auch Ideen wie Mitfahrbänke so zu modellieren.
Die Gruppe aus Münster wiederum kennt sich besonders gut mit Docker und Kubernetes aus und hat sehr viel Expertise und Feedback zu allen anderen zurückgetragen, um den Ausrollprozess noch schneller und einfacher zu machen. Während der erste Rollout in Ulm angesichts der erstmal erschlagend wirkenden Architektur eine Weile dauerte, war die Münsteraner Variante in wenigen Tagen online.

Mehr Open Data → Vernetztere Mobilität!

In Münster sind auch die Bikesharingstationen dabei. Mehr Daten? Mehr Optionen!

Passende Anknüpfungspunkte für intermodale Mobilität gibt es derweil viele. Mit den richtigen Einstellungen zeigt der OpenTripPlanner beispielsweise die ideale Park-and-Ride-Route – wenn Parkplätze an den passenden Bahnhöfen in der OpenStreetMap als P+R-Parkplätze getaggt sind. E-Scooter, Bikesharingfahrräder oder Carsharing-Fahrzeuge können ein Teil der Wegekette sein – wenn die Anbieter ihre Verfügbarkeitsdaten als Open Data bereitstellen. Digitransit kann so als wunderbare Verbildlichung dienen, wo noch offene Daten fehlen, um eine mühelose nachhaltigere Mobilität überhaupt erst zu ermöglichen.

Wie kann ich da mitmachen?

Die verschiedenen Gruppen, die gerade schon mit digitransit arbeiten, legen ihren Code derzeit in der „transportkollektiv“-Organisation auf Github. ab. Zugegebenermaßen: Die Dokumentation ist noch nicht wirklich einsteigerInnenfreundlich. Auch das ist aber eine Aufgabe des gemeinsamen Entwicklungsverbundes für das nächste halbe Jahr – und nur durch diese Zusammenarbeit ist das überhaupt möglich.

An vielen Orten gibt es aber noch gar keine offenen Mobilitätsdaten, oder viel zu wenige. Ob es bei dir vor Ort ÖPNV-Fahrpläne als Open Data gibt, kannst du auf der Kampagnenseite Rette Deinen Nahverkehr prüfen – und wenn es keine gibt, findest du dort Vorlagen für Anschreiben oder gar Argumentationshilfen für ein Telefonat mit deiner Landrätin oder deinem Oberbürgermeister, um deiner Forderung nach offenen Daten Gewicht zu verleihen. Und auch die Verfügbarkeit von Sharingdiensten sollte Open Data sein. Auf Radforschung.org findest du praktische Handreichungen für Kommunen, die du gerne EntscheidungsträgerInnen oder Angehörigen deines Stadtrats empfehlen kannst. Beide Projekte sind aus dem ehrenamtlichen Engagement aus dem Umfeld von Code-for-Germany-Labs entstanden!

Für alle, die bereits als Teil der Open-Knowledge-Foundation-Community im OKF-Slack sind, empfehlen wir die Channels #transport und #transport-digitransit. Und wer jetzt so begeistert ist, dass sie/er Teil dieser Community werden möchte: Nichts wie ab in euer nächstgelegenes Lab :)